Muss ich um die ganze Welt reisen, um «andere Kulturen» kennenzulernen? Und lerne ich sie wirklich kennen, wenn ich im Hotel – am liebsten mit Pool – von allen Widrigkeiten abgeschirmt werde?
Ich kann auch in Basel brasilianisch, in Zürich äthiopisch oder in Bern thailändisch essen gehen. Ich kann an Kulturabenden Musik, Tanz und Filme aus allen Weltregionen geniessen, mit meiner Nachbarin über ihr Geburtsland sprechen oder Feste von Religionsgemeinschaften und Vorträge politischer Aktivist*innen besuchen.
Klar, es gibt Reisen, die einen echten Austausch bringen und über das hinausgehen, was ich von zu Hause aus erfahren und erleben kann. Aber seien wir ehrlich: Die meisten Ferienreisen sind nicht so. Wir geniessen vielleicht die Atmosphäre eines Markts oder die Stimmung auf dem Dorfplatz. Aber setzen wir uns tatsächlich zu den Menschen und sprechen mit ihnen über ihren Alltag, ihre Sorgen und Hoffnungen? Und wäre das in Zeiten des Overtourismus überhaupt erwünscht?
Es ist legitim, in den Ferien einfach Erholung zu suchen sowie schöne Städte und Landschaften zu geniessen. Doch dann sollten wir nicht von «kultureller Bereicherung» reden und damit Flugreisen in «fremde» Länder rechtfertigen. Erholung, faszinierende Städte und Landschaften gibt es auch ohne Flugzeug.
Wann ist eine Reise gerechtfertigt?
Der Tourismus gerät heute oft in Konflikt mit den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung und den natürlichen Ressourcen. Die Tourismusforschenden Adrian Müller, Nadja Schweiggart und Ralf Vogler hinterfragen deshalb in einem kürzlich erschienenen Artikel in den «Annals of Tourism Research» das Recht auf unbegrenzten und CO2-intensiven Tourismus. Sie haben ein Stufenmodell entwickelt, mit dem wir beurteilen können, ob eine Reise gerechtfertigt ist:
- Der Reisezweck ist legitim (fügt nicht absichtlich Schaden zu).
- Die Reise ist geeignet für diesen Zweck.
- Die Reise ist notwendig für diesen Zweck.
- Die Reise ist innergenerationell gerecht (insbesondere keine Nachteile für die lokale Bevölkerung).
- Die Reise ist generationsübergreifend gerecht (heizt das Klima nicht an und respektiert die planetaren Grenzen).
Das Stufenmodell kann der Selbstreflexion vor einer geplanten Reise dienen, zielt gemäss den Autor*innen jedoch primär darauf ab, Entscheidungsträger* innen Orientierungshilfen zu bieten, um Besteuerungen oder Vorschriften zu ermöglichen.
Während die zwei letzten Stufen verhältnisweise einfach objektiv überprüft und reguliert werden können – beispielsweise mit der Mobilitätsbon-Initiative –, bleiben die anderen Punkte der persönlichen Reflexion überlassen. Für die politische Debatte ist es jedoch hilfreich, dass das «Recht auf Tourismus» infrage gestellt wird. Es muss möglich sein, den CO2-intensiven Tourismus zu reduzieren, ohne dass gleich ein Angriff auf die freie Gesellschaft und den kulturellen Austausch über die Grenzen hinweg gewittert wird.
Der heutige Übertourismus schadet nicht nur der Natur, sondern auch der lokalen Bevölkerung.
