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INURA-Expertise: Wieviel Geld fliesst bis 2020 in den Strassenbau PDF Drucken E-Mail
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Juli 2002. Neben den ökologischen Auswirkungen des zunehmenden Strassenverkehrs ist auch die Frage nach den finanziellen Belastungen interessant. umverkehR wollte deshalb wissen, was in den nächsten 20 Jahren gesamtschweizerisch in den Strassenbau investiert werden soll. Da keine amtlichen Prognosen existieren, mussten wir eigene Erhebungen vornehmen.

Von Richard Wolff, INURA
Als ich den Auftrag zur Untersuchung annahm, rechnete ich mit einer schnellen Beantwortung der einfach scheinenden Fragestellung. Ich nahm ebenso natürlich wie naiv an, dass die Bundesverwaltung weiss, was in den nächsten Jahren im Land gebaut werden soll. Ernüchtert musste ich aber feststellen, dass einzig bei den Nationalstrassen genau bekannt ist, was noch gebaut werden soll: Bisher sind für etwas mehr als 54 Mia. Franken 1642 Km gebaut worden 2. Für die Vollendung des 1960 beschlossenen Netzes fehlen noch 214 Km, was weitere rund 20 Mia. kosten wird 3. Nicht enthalten in diesen Zahlen sind die 2. Gotthard-Röhre, der Ausbau der N1 und N2 auf 6 und 8 Spuren, Ringautobahnen, Umfahrungsstrassen und viele weitere Aus- und Neubauwünsche.

Schätzung über die Projekte
Bezüglich der Kantons- und Gemeindestrassen und Gemeinden kennt der Bund nur die im vergangenen Jahr getätigten und für das laufende Jahr geplanten Ausgaben. Alles was darüber hinaus geht, ist unbekannt. «Einen Blick in die Zukunft gibt es beim Bund nicht», meint denn auch einer der zuständigen Bundesbeamten. Ihr Auftrag sei es, die Situation widerzuspiegeln, nicht zu prognostizieren. Da ich nicht alle 26 Kantone, geschweige denn die rund 3000 Gemeinden anfragen konnte, was sie in den nächsten 20 Jahren zu bauen beabsichtigen, nahm ich die bekannten Zahlen der Kantone Zug und Zürich zum Ausgang einer ersten groben Schätzung.
Zürich will bis 2030 für rund 6 Milliarden Franken 35 Ortsumfahrungen und Autobahnergänzungen und Hochleistungsstrassen bauen 4. In diesen Kosten nicht enthalten sind Üetlibergtunnel / Westumfahrung und Sihltiefstrasse, die zum bereits beschlossenen Nationalstrassennetz gehören. Im Kanton Zug werden bis 2030 Kantons- und Nationalstrassen für rund 1.2 Mia. Franken geplant 5. Mit der gebührenden Vorsicht und eher zurückhaltend können wir anhand der bekannten Zahlen der Kantone Zürich und Zug folgende Rechenübung durchführen, um zu einer Schätzung der gesamtschweizerisch geplanten National- und Kantonsstrassen zu kommen: Nehmen wir einmal an, der Kanton Zürich würde die 6 Mia. Franken in den kommenden 30 Jahren gleichmässig verteilt ausgeben, und lassen wir die Teuerung aus dem Spiel, da wir in heutigen Preisen rechnen, dann ergäben sich für unseren Zeithorizont von 20 Jahren anteilsmässig Ausgaben von rund 4 Mia. Franken. Im Kanton Zug wären es entsprechend für die kommenden 20 Jahre 800 Mio. Franken. Wenn wir nun annehmen, dass alle Kantone ungefähr - d.h. in der Grössenordnung - im gleichen Ausmass neue Strassen planen wie Zürich (4 Mia. für 1 Mio. EinwohnerInnen) und Zug (800 Mio. für 100'000 EinwohnerInnen) würden in der Schweiz (7 Mio. EinwohnerInnen) bis 2020 zwischen 28 und 56 Mia. Franken für neue National- und Kantonsstrassen ausgegeben.
Um eine begründete Schätzung der gesamtschweizerisch geplanten Kantons- und Nationalstrassen zu erhalten, können wir noch folgende Überlegungen einfliessen lassen: Es ist gut möglich, dass nicht alles gebaut wird, was heute geplant wird, dafür werden im Lauf der nächsten 20 Jahre wohl auch noch neue Projekte entstehen. Vielleicht wird auch nicht in allen Kantonen so viel gebaut wie in Zug oder Zürich. Anderseits gibt es aber auch Kantone mit einem «Nachholbedarf» und Streckenabschnitte, die pro Kilometer teurer sind als jene in Zug oder Zürich. Auch fallen die grösseren Ausbauprojekte für A1 und A2 z.B. mehrheitlich in anderen Kantonen an. Wenn wir die verschiedenen Auf- und Abschläge gegeneinander aufrechnen, können wir ohne allzu grosses Risiko schätzen, dass in den kommenden 20 Jahren rund 30 - 40 Mia. Franken in neue Kantons- und Nationalstrassen fliessen sollen, ohne jene Autobahnen, die Teil des bereits beschlossenen Nationalstrassennetzes sind.
Bei den Gemeinden können wir (zumindest vorläufig und im Rahmen dieser Recherche) nur die - gemäss Bundesstatistik 6 - aktuell getätigten Investitionen von jährlich 400 Millionen Franken extrapolieren, was für 20 Jahre gerechnet also nochmals 8 Mia. Franken ergibt.
Zusammengezählt sollen also in den kommenden 20 Jahren 20 Mia. Franken in das bereits beschlossene Nationalstrassennetz, weitere 30 bis 40 Mia. in von den Kantonen geplante neue Kantons- und Nationalstrassen und rund 8 Milliarden in neue Gemeindestrassen fliessen. Insgesamt ergeben sich gemäss dieser konservativen Schätzung in den kommenden 20 Jahren Investitionen in den Strassenbau von rund 58 bis 68 Mia. Franken.
Wir müssen uns bei dieser Rechnung bewusst sein, dass sie nur eine Grössenordnung angeben kann. Zu viele Annahmen lassen sich so einfach nicht belegen, die Datenbasis für Hochrechnungen ist schmal, die zuküftige Entwicklung ist unsicher. Wir wollen deshalb noch eine andere Methode zur Berechnung der Investionen in den Strassenbau anwenden und aufgrund der heutigen Ausgabepraxis von Bund, Kantonen und Gemeinden die kommenden 20 Jahre hochrechnen.

Schätzung über die Finanzen
Ein Blick auf den Trend der letzten Jahre zeigt, dass bei den Kantonsstrassen die Ausgaben relativ zu früheren Jahren leicht zunehmen. Das ist zu einem Teil sicher Kompensation, weil die Kantone in den Jahren der Rezession eher etwas gespart haben. Jetzt, da es der Konjunktur wieder besser geht, stehen dagegen mehr Steuereinnahmen für den Strassenbau zur Verfügung. Die Ausgaben bei den Gemeindestrassen sind dagegen recht stabil. Insgesamt können wir aufgrund der gegenwärtigen finanziellen und politischen Situation mit tendenziell steigenden Ausgaben rechnen. Trotzdem wollen wir gleichbleibende Ausgaben annehmen und vom Durchschnitt der letzten Jahre ausgehen.
1994 bis 1999 wurden in Gemeinden, Kantonen und Bund insgesamt jährlich rund 3.5 Mia. Franken für Strassenbauinvestitionen ausgegeben 7. Darin inbegriffen sind Neubau, Verbesserungen, Ausbau und Landerwerb für Strassen und Parkplätze. Nicht enthalten sind Ausgaben für den baulichen Unterhalt, die im Jahr 1998 rund 1 Mia. Franken ausmachten. Nicht enthalten sind ferner die Ausgaben für den betrieblichen Unterhalt, die Kosten der Verkehrsüberwachung und -regelung (Polizei), Lohn- und Verwaltungskosten sowie Ausgaben für Signalisierung und Strassenmarkierung, alles in allem weitere rund 2 Mia. Franken pro Jahr 8. Alleine für die Investitionen in den Strassenbau kommen wir für die nächsten 20 Jahre somit auf Kosten von rund 70 Mia. Franken, was gut zu unserer ersten Schätzung passt. Wir können also mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen, dass in den nächsten 20 Jahren mindestens 60 bis 70 Mia. Franken in den Bau von neuen National-, Kantons- und Gemeindestrassen fliessen werden.

Fazit
Auch wenn unsere Schätzungen sehr grob sind, geben sie doch eine klare Grössenordnung an. Da diese Zahlen weder die Bauteuerung 9 noch die in den vergangenen Jahren feststellbare reale Zunahme der Strassenbauinvestitionen 10 einbeziehen, welche gut und gerne je weitere 15 Mia. Franken betragen können, und auch die Kosten für den Unterhalt nur zum Teil berücksichtigt sind, können wir gesamthaft für die nächsten 20 Jahre mit geplanten Investitionen in den Strassenbau von gut 100 Mia. Franken rechnen.
Die steigenden Verkehrszahlen - 30% bis 40% mehr Strassenverkehr in den kommenden 20 Jahren 11 - , eine Wende in der Ökologie/Strassenverkehrs-Debatte und die tendenziell zunehmenden Mittel für den Strassenbau 12 lassen befürchten, dass der Druck zum Bau weiterer Strassen zunimmt. Rund 100 Mia. Franken werden in den kommenden 20 Jahren in den Strassenbau fliessen, wenn sich keine starke Opposition dagegen bildet. Angesichts dieser bedrohlichen Aussichten, ist es unerlässlich, die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen einer solchen Entwicklung aufzuzeigen und sich dafür einzusetzen, dass vernüftigere, d.h. nachhaltige Alternativen entwickelt werden.

Weitere Informationen zum Strassenbau auf dem Internet:

• Bundesamt für Statistik: www.statistik.admin.ch
• Bundesamt für Strassenbau: www.astra.admin.ch
• Litra: www.litra.ch

 

 

Fussnoten:


1 Richard Wolff, Dr. sc. nat. ETH, ist Stadtforscher und Mitbegründer des International Network for Urban Research and Action INURA. Er ist Partner des neu-gegründeten INURA Zürich Instituts.

2 «Info 2000», S.11 und S.32, Bundesamt für Strassen, Bern.

3 www.astra.admin.ch/d/suche/Dokumente/N_Finanzierung.htm (18.9.2000) und am gleichen Ort: «Ein Blick auf die Kosten zeigt, dass das Bauen - natürlich - im Verlaufe der Jahrzehnte merklich teurer geworden ist: Kostete zum Beispiel ein Kilometer der im Jahre 1964, zur Eröffnung der Landesausstellung EXPO, durchgehend in Betrieb gesetzten Nationalstrasse von Lausanne nach Genf im Mittel 12,8 Millionen Franken, so waren es zu Beginn der 90er Jahre in Basel-Stadt im Nordwesten des Landes 237 Millionen Franken.»

4 NZZ, 18.8.2000, S.41, «Sechs Milliarden für Zürcher Strassen gesucht»

5 Das Zuger Gesamtverkehrskonzept «Pluspunkt» wurde im Juli 2000 vom Zuger Regierungsrat verabschiedet. Aus «Let's move really smart - Positionspapier Verkehr der Zuger Alternativen», September 2000, Zug. www.alternative-zug.ch.

6 «Bau- und Wohnbaustatistik der Schweiz - Bauinvestitionen, Bauausgaben und -vorhaben» der Jahre 1995 bis 2000, Tabelle 21 «Bauinvestitionen ... zu laufenden Preisen», Bundesamt für Statistik, Bern.

7 Zahlen gemäss «Bau- und Wohnbaustatistik der Schweiz - Bauinvestitionen, Bauausgaben und -vorhaben» der Jahre 1995 bis 2000, jeweils Tabelle 21 «Bauinvestitionen ... zu laufenden Preisen» und Tabelle 9 «Bauvorhaben ...», Bundesamt für Statistik, Bern. Zu den Definition «Bauausgabe' und 'Bauinvestition» ebenda, S. 25.

8 Siehe dazu «Strassenrechnung» (www.statistik.admin.ch/news/pm/dp00067.pdf); "Info 2000", S. 30/31, Bundesamt für Strassen, Bern.

9 Bei einer mittleren Teuerung von rund 2% pro Jahr ergibt dies bei jährlich 3.5 Mia. Franken Ausgaben in 20 Jahren zusätzliche Kosten von rund 15 Mia. Franken. Der Baupreisindex für Strassenneubau ist alleine von Oktober 1998 bis Oktober 1999 um 5.8% gestiegen! (Pressemitteilung Bundesamt für Statistik, Nr. 13/00, Februar 2000, S. 6).

10 Schätzung gemäss «Strassenrechnung» (www.statistik.admin.ch/news/pm/dp00067.pdf) und Statistisches Jahrbuch der Schweiz 2000, Bundesamt für Statistik, Seperatdruck Kapitel 9 Bau- und Wohnungswesen, "Entwicklung der Bauausgaben 1975-1998", S.228.

11 NZZ, 15.9.2000, S. 14, «Noch kein Drei-Liter-Auto - Prognosen zur Verkehrsentwicklung». Ergebnis einer Delphi-Umfrage des Bundes.

12 Vgl. die Zahlenreihen der Strassenrechnung (www.statistik.admin.ch/news/pm/dp00067.pdf)

 

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